Orientierung – gemeinsam IHN anschauen

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet beim Autoren des „Kleinen Prinzen“ ein gutes Argument für die gemeinsame Feier der Heiligen Messe „ad orientem“ finden lässt? …

„Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.“

Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne (1941), S. 216.

Im französischen Original:

„l’expérience nous montre qu’aimer ce n’est point nous regarder l’un l’autre mais regarder ensemble dans la même direction.“

Antoine de Saint-Exupéry: Terre des Hommes (1939), S. 225.

Bild: Sogenannte Gregorsmesse, Mitteltafel des Gregoriusretabels aus Kloster Heisterbach, rheinisch (Meister der Heiligen Sippe und Werkstatt) um 1495 bis 1505, Wallraf-Richartz-Museum Köln; verschiedene Teile des Altarretabels auf dem Kirchenlehreraltar des Zisterzienserklosters Heisterbach sind heute auf Museen in Bamberg, Köln und München verteilt (http://gregorsmesse.uni-muenster.de/objektanzeige.php).

Liturgische Tagung in Herzogenrath – Nachlese

Die Vorträge der „18. Kölner Internat. Liturgischen Tagung“ sind bei bonifatius.tv bestens dokumentiert und ich habe sie auch hier auf meinem Blog verlinkt. Neben den festen Programmpunkten – also Vorträge und die Feier der Liturgie – sind die Begegnungen in den Pausen und beim Essen ein nicht unwichtiger Bestandteil solcher Veranstaltungen. Hier treffen sich Menschen mit ähnlichen Anliegen aber durchaus unterschiedlicher Hintergründe.

Als Schwester der Hochkirchlichen St. Johannes-Bruderschaft habe ich einerseits natürlich aus persönlichem Interesse an der Tagung teilgenommen, war andererseits aber auch als Teil der Bruderschaft dort. Eher zufällig hat sich dabei ein Austausch ergeben mit Referenten und Teilnehmern unterschiedlicher Ausrichtung:

Alleine schon wegen des Austauschs hat sich für mich die Teilnahme sehr gelohnt.


Von den Beiträgen ist mir der Vortrag eines orthodoxen Theologen besonders in Erinnerung geblieben, den ich jetzt einmal exemplarisch herausgreife:

Gebeteter GlaubeÜber die Einheit von Lex orandi und lex credendi aus der Sicht der Ostkirche (Dr. Ioan Moga, Universität Wien)
Video des Vortrags bei bonifatius.tv

Unter Anderem habe ich einige Schlaglichter / Kondensate daraus mitgenommen:

  • „Lex orandi“ – Liturgie ist mehr als nur eine Sammlung liturgischer Texte
  • Liturgie / Ritus
    • Ungeschriebene liturgische Tradition / überlieferte Erfahrung
    • heilige Überlieferung
    • Quelle der Offenbarung
    • Teil der heilsgeschichtlichen Zusammenarbeit zwischen Gott und Mensch
  • Ratzinger, „Geist der Liturgie“ S. 145: „Deswegen werden die Abendmahlsberichte der Bibel erst konkret in der Aneignung durch die feiernde Kirche. Deswegen kann es in der »göttlichen Liturgie« Entwicklung geben, die freilich ohne Hast und ohne gewaltsames Machen, wie von selber, geschieht.“
    ⇒ Liturgie ist „kondensierte Gestalt der lebendigen Überlieferung“
  • Konzilskonstitution „Dei verbum“, Kapitel 2, 10: „Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes“
  • Liturgie: Eschatologische Vorwegnahme (sie bildet die himmlische Liturgie ab)
  • Weniger über Liturgie sprechen, mehr Liturgie leben / feiern

Von der Abschlussmesse in Rolduc am 01.04.2017 hier auch noch einige Fotos:


Berichte andernorts:

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Krippe und Kreuz:

Gott kommt zu uns!

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


Gedanken im Advent A.D. 2016

„Als die Zeit reif war, sandte Gott Seinen Sohn. Als Mensch geboren und dem Gesetz untergeordnet, erlöste Er uns vom Zwang des Gesetzes, damit wir Gottes Kinder werden“, schreibt der heilige Apostel Paulus an die Galater. So zitiert ihn auch das zeitgenössische Paulus-Oratorium „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (1973) von Siegfried Fietz und Johannes Jourdan. Weiter heißt es dort in einem Lied:

Gott kommt zu uns,
Er kommt herab von Seinem ew’gen Thron.
Gott kommt zu uns,
und wird uns gleich in Jesus, Seinem Sohn.

(…) Gott kommt zu uns,
wir müssen nicht mehr zweifelnd nach Ihm fragen.
Gott kommt zu uns,
um Seine Gnade allen anzusagen.

(…) Gott kommt zu uns,
die Krippe und das Kreuz sind Seine Zeichen.
Gott kommt zu uns,
und uns’re Trauer soll der Freude weichen.

In diesen Tagen so kurz nach dem verheerenden Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche hört man im vielfältigen, teils erschreckenden Stimmengewirr auch Äußerungen, wie diese: Der Terroranschlag sei brutal eingebrochen in die „besinnliche, vorweihnachtlich-friedliche“ Stimmung, ja er habe diese nachhaltig zerstört. „Wie kann man jetzt noch Weihnachten feiern?“

Nun, es stimmt. Der Anschlag hat unsere Gesellschaft tatsächlich empfindlich getroffen, verwundet, verunsichert. Und das lag wohl auch in der Absicht des oder der Attentäter. Aber was hat es auf sich mit dieser „friedlichen Weihnachtsatmosphäre“, die nun, wie es heißt, so empfindlich gestört oder zerstört wurde?

„Als die Zeit reif war, sandte Gott Seinen Sohn.“ Wir erwarten Sein Kommen – nur, dass dieses Kommen wenig gemein hat mit einer oberflächlichen und sinnentleerten Idylle, die sich lediglich äußerlich orientiert am weihnachtlichen Geschehen, wie die Bibel es uns berichtet und wie die Kirche es feiert.

Im Advent 1944 schrieb P. Alfred Delp SJ (1907-1945) in der Haft, nur wenige Wochen vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945:

Gott ist mit uns: so war es verheißen, so haben wir geweint und gefleht. Und so ist es (…) Wirklichkeit geworden: ganz anders, viel erfüllter und zugleich viel einfacher als wir meinten. Gott wird Mensch. (…) Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.

Ist darin nicht bereits die Antwort gegeben, wo und wie der Ausweg zu finden ist aus der lähmenden Wut, Angst und Ohnmacht, unter der auch viele Christen angesichts der unbegreiflichen Gewalttat in Berlin leiden?

Wenn der Mensch Gott erkennt, ohne sein Elend zu erkennen,
verfällt er dem Stolz.

Erkennt er sein Elend, ohne Gott zu erkennen,
verfällt er der Verzweiflung.

Durch die Erkenntnis Jesu Christi stehen wir in der Mitte,
denn darin finden wir sowohl Gott wie auch unser Elend.

Blaise Pascal (1623-1662)

Erwarten wir Jesus, den Christus, trotz – und mitten in – aller Not, Angst, Gewalt und Verzweiflung, dann vermögen wir wirklich adventliche Menschen zu sein, die mit Gott rechnen und von Ihm her leben. Dann feiern wir das Fest der Menschwerdung Gottes tiefer, wahrhaftiger, froher und glaubwürdiger, als die ganze Medien- und Konsum-Maschinerie es uns nahelegt und aufdrängen will. Wer etwas genauer hinsieht und hinhört, entdeckt bald Spuren dieses anderen Advents: nicht des lauten Advents mit Kling-Glöckchen und greller Werbung, sondern der verhaltenen, leisen aber starken, tiefen und erwartungsfrohen Vorfreude – die den unauflösbaren Zusammenhang von Krippe und Kreuz nicht verleugnet, sondern darin den eigentlichen und tiefsten Grund zur Freude erkennt.

Viele Adventslieder wissen um diesen Zusammenhang und besingen ihn in deutlichen Bildern. Vielleicht überhören wir das zu schnell? – Nehmen wir uns doch hier die Zeit, einige Liedtexte kurz zu bedenken:

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt …“ Kaum ein Liederdichter der jüngeren Vergangenheit hat die Ambivalenz und den Reichtum der Weihnachtsbotschaft so tief erfasst und im eigenen Leben erfahren, wie Jochen Klepper (1903-1942). Die Tragik seiner Lebensgeschichte spricht hier für sich. Das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ (GL 220 / EG 16) drückt dieses Glaubenswissen aus:

Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Strophe 1

Das Kommen des Heilands, die Menschwerdung des Gottessohnes, löst das Böse in der Welt nicht auf, sondern eröffnet den Ausweg hin zur wahren Errettung und Erlösung:

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von Seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte Er belohnen, so richtet Er die Welt.
Der Sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Strophe 4 und 5

Ganz ähnlich klingt es bei Paul Gerhardt (1607-1676):

Ich lag in schweren Banden, Du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden, Du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.

Auch dürft ihr nicht erschrecken vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken mit Seiner Lieb und Huld.
Er kommt, Er kommt den Sündern zu Trost und wahrem Heil,
schafft, dass bei Gottes Kindern verbleib ihr Erb und Teil.

„Wie soll ich dich empfangen“ (EG 11), Strophe 4 und 8

Auch Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) weiß um die tiefe Not und Sehnsucht wie auch die Erfüllung der adventlichen Erwartung.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst’ uns hier im Jammertal.

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ (GL 231 / EG 7), Strophe 4 und 6

Überhaupt blendeten die Christen früherer Zeiten in ihrer Adventsfreude das Leid und die Not des Menschen, die Sünde und den Tod nicht aus. Im Gegenteil! Gerade diese bedürfen ja so dringend der Erlösung durch das Kommen Gottes in diese Welt: „Et incarnatus est“, Er kam „in unser Fleisch“. Das Kind in der Krippe gibt es nicht als heimelige Idylle, Verdrängung und Illusion, sondern handfest, konkret, lebendig:

Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will,
muss vorher mit Ihm leiden groß Pein und Marter viel,

danach mit Ihm auch sterben und geistlich aufersteh’n,
das ewig’ Leben erben, wie an Ihm ist gescheh’n.

„Es kommt ein Schiff geladen“ (GL 236 / EG 8), Strophe 5 und 6, von Daniel Sudermann (um 1550-1631), vermutlich nach Johannes Tauler (um 1300-1361)

In dieser Erkenntnis liegt der eigentliche Trost, auch und gerade in Tagen wie diesen: „Gott kommt zu uns, die Krippe und das Kreuz sind Seine Zeichen. Gott kommt zu uns, und unsre Trauer soll der Freude weichen!“


Ein Beitrag zum Adventskalender der Blogoezese

 

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Think positive?

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


think-positiveIch habe immer größere Schwierigkeiten mit Aussagen christlicher Autoren und zeitgenössischer Kirchenvertreter, die suggerieren, der Glaube bedeute, das Gute durch „Daran-Glauben“ zu bewirken, zu erfahren, nachgerade zu beschwören. Bei näherer Betrachtung handelt es sich dabei doch um eine Art selbsterfüllenden Automatismus. Ist das noch der christliche Fides-Glaube? Oder ist das bereits ein schamanistisches Ritual oder eine psycho-mechanische Autosuggestions-Technik?

Dazu beispielhaft ein Zitat des von mir durchaus sehr geschätzten Søren Kierkegaard:

„Glauben heißt, beständig das Frohe, Glückliche, Gute zu erwarten.“

Und nun? Was bedeutet das? Wenn ich diesen Satz nur isoliert sehe (was als Absicht Kierkegaard nicht zu unterstellen ist), dann handelt es sich um eine selbsterzeugte Wahrheit, die mit der Hilfe von Zauberworten (oder Zaubergedanken, Wunschdenken) herbeigeführt werden soll. Doch dann ist der Weg zu einem „positiven Denken“, das im Denken schon die Erfüllung impliziert, und diese autonom, quasi-schöpferisch „erzeugen“ will, nicht mehr weit. Und in dieser Hinsicht unterscheidet sich eine solche Psychotechnik kaum von der Botschaft östlich inspirierter, esoterischer Glücksversprecher. Auch dazu ein Beispiel:

„You should think positive, send out love, strongly believe in the good, strongly believe that you are the creator of the universe.” (satsang.ch)

Da wiederum rückt das auch in kirchlichen Zusammenhängen empfohlene „Glauben“ im Sinne eines „positiven Denkens“ sehr in die Nähe nicht- und widerchristlicher Weltanschauungen. Wenn nicht der lebendige, personale Christus selbst „Gegenstand“ und „Gegenüber“ meines „Glaubens“ ist, dessen Grundlage und Ziel, Initiator und Empfänger, dann ist dieser „Glaube“ weder hilfreich noch zielführend, sondern bleibt der hinfällige Ausdruck eines Wunsches nach Selbst-Erlösung. Der Mensch bleibt auf sich selbst bezogen, allein auf seine eigene Vorstellungs- und Willenskraft zurückgeworfen, in sich selbst verbogen, verkrümmt. In letzter Konsequenz entfernt diese falsche Ausrichtung auch den „gutmeinenden“ Gläubigen von Christus und vom Dreieinigen Gott.

Und so heißt es dann auch folgerichtig (und ehrlicher, als in vielen vordergründig christlichen Ratgebern) auf der Homepage von satsang.ch:

„Satsang ist die unmittelbare Begegnung mit deinem wahren Selbst, dem Sein. Einheit, die in dieser dualen Welt das Spiel des Getrenntseins spielt, feiert im Satsang sich selber. (…) Im Satsang steht dein wahres Ich, das Sein, im Mittelpunkt. (…) Im Satsang wird dein Verstand enttäuscht werden, da er dort nichts finden kann, das er mitnehmen und aufbewahren kann. (…) Nichts kann dem hinzugefügt werden, was bereits vollständig ist. Im Satsang wird dir diese Tatsache immer und immer wieder vor Augen geführt. Bis der Verstand aufgibt und die unpersönliche Erkenntnis auftaucht, dass das, was die ganze Zeit gesucht wurde, immer da war.“

Ein göttliches Gegenüber aber wird – hier wie dort – überflüssig. Im „Satsang“ etwa wird das personale göttliche Gegenüber explizit negiert, in ein Nichts aufgelöst:

„Im Satsang zeigt Einheit der Einheit die Absurdität des Spiels des Getrenntseins auf.“

Keine Dualität! Kein Gegenüber! Kein Gott! Keine Erlösung!

Dies wäre – das ist! – auch die Konsequenz aller „christlich“ sich gebärdenden Heilsversprechen, die schlussendlich doch ganz ohne Christus und ganz ohne den allmächtigen, allgegenwärtigen, all-liebenden Gott auskommen. Hauptsache, ich liebe mich selbst! Dann aber – konsequent zu Ende gedacht – muss ich mich auch selbst erretten, selbst erlösen. Nur diese Wahrheit enthalten einem die unseligen Heilsversprecher vor. Da sind sie, sofern sie sich noch christlich nennen, nicht ehrlich, nicht konsequent.

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Freiheit oder Gleichheit? Oder Gleichmacherei?

Bild: Washington Post (Facebookfund)

Bild: Washington Post (Facebookfund)

Im Land von „Liberté, Egalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) haben Polizisten darauf bestanden, dass eine Frau um der guten Sitten willen – nein, nicht sich etwas überzieht, sondern – sich einigen Stoffs zu entledigen habe. Verteidigt wird dieses Vorgehen unter anderem mit der Durchsetzung der Laizität Frankreichs. Es sind also nicht Sicherheits- oder Gesundheitsaspekte, die hier angeführt werden, sondern ideologische. Der Gleichheit (oder besser ‚Gleichmacherei‘) wird der Vorzug vor der Freiheit gegeben. Sichtbares religiöses Bekenntnis soll aus der öffentlichen Wahrbehmung verschwinden.

Die Debatte um das Burkaverbot (besser: Verbot der Vollverschleierung) hierzulande trägt ähnliche Züge. Hier geht es etwas weniger um das unerwünschte religiöse Bekenntnis, sondern eher um die Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung der Frauen. Aber auch hier hat die ideologische Argumentation Übergewicht.

Wo eher mit Symbolen gelenkt/regiert wird als mit Argumenten, fürchtet man Symbole mehr als Tatsachen.

Ich kann absolut nachvollziehen, wenn man in einer Gesellschaft darauf bestehen will, denjenigen identifizieren zu können, mit dem man zu tun hat. Bei einem verschleierten Gesicht ist das nicht gewährleistet. Was aber z.B. gegen einen Burkini sprechen soll, falls es keine Sicherheits- oder Hygiene-Probleme gibt, erschließt sich mir überhaupt nicht. Genausowenig kann ich ein Kopftuchverbot nachvollziehen. Die viel gepriesene (und strapazierte) „offene Gesellschaft“ müsste soetwas problemlos aushalten können. Doch im Namen der Freiheit und Toleranz gibt es immer häufiger Überlegungen, Individualität einzuschränken um der äußerlichen Gleichmacherei willen.

Wo soll das denn aufhören? Sollen künftig auch Jüdinnen oder orthodoxe (und einige andere) Christinnen ihre Kopfbedeckungen ablegen müssen? Was ist mit anderen religiösen Symbolen? Muss ich befürchten, dass mein Rosenkranz, mein Kreuzanhänger etc. als Provokation gedeutet wird? Und was ist mit Odensgewändern, Priestergewändern, Verwendung von Ordensnamen …?

Wenn die „offene Gesellschaft“ ihren Namen wirklich verdienen soll, dann muss sie respektieren, dass sich Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen selbst (freiwillig) Beschränkungen auferlegen – gleichgültig, ob sie diese für sinnvoll hält oder nicht. Beim Vegetarier klappt das doch auch!


Weitere Links:


Ähnliches Thema, anderer Hintergrund: „Emanzipiert von der Gleichmacherei“

 

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Abbruchkommandos in der Kirche

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB

Für mich sind die nachfolgenden Worte von Ida Friederike Görres (1901-1971) eine kluge, hellsichtige Zustandsbeschreibung, ein großes Vermächtnis und ein aufrüttelnder Appell an die Nachgeborenen: also an uns. Jeder Satz trifft ins Schwarze, verletzt und tut anhaltend weh! Ich wünsche mir, es möge ein „Heilungsschmerz“ sein, und dass aus den mannigfaltigen Wunden unserer Kirche — meist sind es ja selbstzugefügte Wunden — Heilung, Genesung und neues, gesundes Leben erwachsen.

„Romano Guardini sprach vom Erwachen der Kirche in den Seelen. Heute droht schon wieder das Ersterben, weil jener Satz, zum Slogan isoliert, vielfach auf die bloßen Zeitgenossen isoliert wird, abgelöst von dem ungeheuren geschichtlichen Großgebilde, das in den Tagen der Apostel wurzelt und den jüngsten Tag erwartet und das allein den Namen »Kirche« beanspruchen darf.

imageNicht das Laub eines Sommers kann den Lebenslauf eines alten Baumes bestimmen, noch seine bisherige Entfaltung richten und verwerfen. Nicht in seinen Blättern steckt das Gesetz, nach dem er angetreten.

Aber viele Zeitgenossen, unbewusst der existenzialistischen Idee der freien Selbstsetzung des Menschen verfallen, übertragen das auch auf die Kirche und träumen von ihrer totalen Umgestaltung nach kurzlebigen Modellen.“ Aus diesen bösen Träumen wurde binnen kürzester Zeit eine erschreckend banale, profane Wirklichkeit!

„Das Konzil war die große, verheißungsvolle Aussat — jetzt sehen wir vieles Bestürzendes aufwachsen, Giftiges, das die erste Frucht zu ersticken droht. Ja, das Unkraut wuchert oft prächtig, viel eindrucksvoller als das alljährlich gleiche fade Saatengrün. […]

Freilich ist der Wust und Schmutz, den die Abbautruppen anrichten, viel lauter und sichtbarer als die erst schüchtern keimenden »verborgenen Gärten und Pflanzungen«, an denen der andere — ich fürchte, viel kleinere — Teil des Nachwuchses schafft. Ihnen, die daran sind, die uneingelösten Verheißungen unserer Jugend zu erfüllen, schlafende Möglichkeiten der Kirche zu wecken und zu formen, gehört dafür unser ganzes Herz. Für sie — und nicht nur für sie! — haben wir, die Alten, die Abtretenden, Grundrisse und Keime zu bewahren, die heute ins Vergessen gleiten.“

Und so schreibt Ida Friederike Görres 1970 in fast prophetischer Klarheit: „Vielleicht ist schon eine übernächste Generation [— das wären die Jungen von heute! —] der Zerstörungsfreude ihrer eigenen Väter überdrüssig und sucht nach Material zum Bau der Zeitenbrücke zwischen dem Früher und ihrem Jetzt. Die Entwicklung geht ja nicht so geradlinig und eingleisig, wie man gerne tut, sondern in Zickzack und Spiralen. An der nächsten Kehre muss das Alte, Wahre wieder vorhanden sein, deutlich und greifbar für die Suchenden, nicht im Müllschlucker zermahlen.“

Ida Friederike Görres: Im Winter wächst das Brot, Einsiedeln 1970, S. 32-33, 35, 39.

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„Überspringen von Raum und Zeit“ oder politischer Zeitbezug?

Altarstein

Altarstein – (By ViennaUK (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons)

Ein Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB – Kommentar zu „Flüchtlingsboot soll Altar werden

„Der Altar ist der zentrale Ort einer katholischen Kirche. Er ist das Christussymbol schlechthin. Darauf weisen auch die fünf Weihekreuze auf dem Altar. Bei der Altarweihe werden sie mit Chrisamöl und Weihrauch verfüllt, die angezündet werden. Die fünf brennenden Kreuze symbolisieren die fünf Wundmale des Gekreuzigten. Auf diese Weise wird die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu Christi auf dem Altar erinnert. Vergegenwärtigung ist mehr als bloß Erinnerung; Vergegenwärtigung bedeutet das Überspringen von Raum und Zeit.“ (www.mystagogische-kirchenfuehrung.de/altar.php)

Nun vergegenwärtigt sich das einmalige und unüberbietbare Kreuzesopfers Jesu Christi also – mit viel Zeitbezug und politischer Aussage – in einem Boot.

Ist das noch Repraesentatio (Vergegenwärtigung), Memoria (Gedächtnis), Applicatio (Zuwendung) und Instauratio (Erneuerung), als welche das Mess- und Kreuzesopfer Jesu Christi im Konzil von Trient und im Römischen Katechismus näherhin klassifiziert werden? Oder ist das bereits Aktion und politisches Zeichen?

Was dabei verdrängt zu werden und in Vergessenheit zu geraten droht: Die Messe ist die lebendige, objektive [!] Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, eine sakramentale Darstellung desselben. Damit ist gleichzeitig ein objektives Gedächtnis verbunden, in Anlehnung an die Worte Jesu Christi: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Nun wird aber dem einmaligen und unüberbietbaren Kreuzesopfer Jesu Christi eine zweite Aussage beigesellt (oder soll ich sagen: übergestülpt?) … Nur wird dadurch irgend etwas klarer, wahrer, wahrhaftiger? Oder geschieht genau das Gegenteil?

„Wer sagt, in der Messe werde Gott nicht ein wirkliches und eigentliches Opfer dargebracht, oder die Opferhandlung bestehe in nichts anderem, als dass uns Christus zur Speise gereicht werde, der sei [aus der Kirche] ausgeschlossen.“ Sagt das Konzil von Trient (DH 1751).

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